
Die Reise ist zu Ende. Den Übergang zum nächsten Lebensabschnitt, unserem Buchprojekt, gestalten wir so, dass wir uns noch 2 oder 3 Wochen an die Homepage setzen und quasi die Abschlussarbeiten durchführen: die Statistik auswerten und die Seite auf das Buch vorbereiten. Es wird zusammengetragen, gerechnet, Tabellen und Diagramme werden gezeichnet und online gesetzt. Danach wollen wir es angehen, uns irgendwo ein kleines Zimmer zu suchen, wo wir das Buch schreiben können. Wo das sein wird, ist uns relativ egal - einzige Bedingung: deutschsprachiger Raum und eine brauchbare Bibliothek in der Nähe. Wir hatten an das Umland irgendeiner ostdeutschen Universitätsstadt gedacht, um es finanziell möglichst günstig zu halten.
Ende September ruft uns Stefans Tante aus Wien an. Mit Wien hatten wir schon in Australien geliebäugelt. Das war eine Spontan-Idee in meinem Kopf, wer weiß wo sie her kam. Wir dachten an ein einfaches Zimmerchen, vielleicht auf einem Bauernhof außerhalb der Stadt, eine Bibliothek in 40 Km Umkreis würde uns reichen. Unsere Ansprüche sind minimal: ein Plumpsklo und Ofenheizung würden das Ganze nur romantischer machen... Deshalb hatten wir Stefans Familie gebeten, Augen und Ohren offen zu halten, aber dass unser Anliegen in Wien ziemlich aussichtslos ist, hatten sie uns schon gesagt. Die telefonische Nachricht lautet: "Wir haben eine Wohnung für Euch, zwei Zimmer, zentrumsnaher Altbau zu einem unglaublichen Preis. Ab Montag könnt Ihr einziehen." Wir sagen zu. Drei Tage später brechen wir mit einer kleinen Umzugsfuhre und der Hilfe meines Vaters auf. So schnell kann's gehen. Uns war nicht wirklich bewusst, dass Wien doch so weit im Osten liegt und so fahren wir selbst noch von Dresden immer in Richtung Süd-Osten quer durch Tschechien bis wir nach 600 Kilometern im Ausland Österreich landen

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Unabhängig von unserem Buch-Projekt wollte ich schon immer einmal auf begrenzte Zeit in einer Großstadt wohnen. Dass ich kein Großstadt-Dauer-Bewohner bin, wusste ich, dennoch wollte ich diese Erfahrung gern mitnehmen und manchmal flattern die Möglichkeiten ganz von alleine ins Haus

. Als wir nun vor dem riesigen Holztor stehen, kribbelt's im Bauch. Schnell die kleine Tür öffnen, die wie ein Puzzle-Teil im großen Tor steckt. Und schon beim ersten Schritt hinein stecken wir in einer anderen Welt. Der Durchgang, in dem wir nun stehen, ist mit Holz gepflastert - das sehe ich zum ersten Mal. Mein Blick fällt auf das andere Ende vom Durchgang, der durch eine uralte Holz-Glas-Konstruktion vom dahinter liegenden Innenhof getrennt ist. Mittlerweile ist es draußen dunkel. Unsere Wohnung liegt im zweiten Stock. Die Kassetten der Holztür zum Treppenhaus sind verspiegelt. Dahinter verbirgt sich eine betagte, riesige steinerne Wendeltreppe. Kleine verschnörkelte Brunnenbecken zieren die Stockwerke. Der heutige Standard macht ihre Funktion überflüssig, sie verströmen dennoch das Flair längst vergangener Zeiten. Über einen schmalen Balkongang, der über dem Innenhof schwebt, erreichen wir unsere Tür. Die gibt es in doppelter Ausführung - so wurde früher gedämmt. Auch die Fenster haben jeweils doppelte Flügel. Von so etwas hatte ich immer geträumt, seitdem ich als Kind so gerne im alten Haus meiner Oma auf der ewig breiten Fensterbank saß, denn auch dort gab es diese doppelten Fenster. Ein warmer Dielenboden mit dicken Schwellen empfängt uns. Eine kleine Küchenzeile mitsamt Kühlschrank lädt mich zum Kochen ein. Im kleineren Zimmer findet sich sogar noch ein uraltes Möbel, welches zugleich Truhe und Sitzbank ist. Wir sind glücklich. Das alles hier ist uns wie auf den Leib geschneidert. Aber der niedrige Preis für dieses kleine Reich, noch dazu in dieser Lage, verwundert uns doch etwas. So stellt sich heraus, dass Stefans Familie fest an uns glaubt und uns in unserem Vorhaben des Buchprojekts mit vollen Kräften unterstützen möchte, zumal seine Tante selbst schreibt. Wir sind von Dankbarkeit erfüllt...