
Unsere Packpapier-Rolle, auf der wir alles festhalten, was für unser Buch relevant sein könnte, wird voller und voller. Viele zusätzliche Streifen werden angeklebt, weil der Platz nicht ausreicht und fleißig mit Ideen und Gedanken bekritzelt bis eines schönes Tages die „Vorbereitung“ dann von einem auf den anderen Tag vollbracht ist. Aber was nun? Wie organisieren wir das Schreiben? Wie realisieren wir es technisch am Computer? Sollen wir einfach drauflos schreiben oder uns vorher genau überlegen welche Geschichte wo hinkommt? Ratlos stehen wir vor diesem riesigen Berg und können uns nicht überwinden die ersten Schritte des Aufstieges anzugehen. Allerdings hüpfen die Buchstaben und Sätze nicht selbstständig in den Computer und so erarbeiten wir einen Schlachtplan. Wir unterteilen die gesamte Reise in chronologisch aufeinander folgende Kapitel. Jeder schreibt nun abwechselnd ein Kapitel der Reise, wobei der andere noch eigene Gedanken einfügen kann, wenn er das möchte. So entsteht nach zwei Tagen Einteilung ein grober Ablaufplan für jeden Einzelnen.
Das eigentliche Schreiben kann beginnen. Jeder macht sich einen ungefähren Tagesablauf um so konstruktiv wie möglich zu arbeiten. Ich arbeite eher am Morgen und Christine vorzugsweise am Nachmittag. Mein Mittagessen wird ihr Frühstück und so hat jeder seine bestimmte und individuelle Zeit zum Arbeiten und Relaxen. Mit Hilfe von Bildern und alten Texten versuche ich mich jeden Tag aufs neue in genau die Situation der Reise hinein zu versetzen, an der ich gerade arbeite. Gedanklich spüre ich wieder die Schmerzen und die Freude die mir an jenen Tagen über die ich gerade schreibe widerfahren sind. Viele Details sind mir noch so präsent wie wenn ich gerade dabei bin, anderes habe ich vollkommen vergessen und es bedarf einiger Gehirnübungen um sie wieder hervor zu kitzeln. So entsteht eine Seite nach der anderen. Unsere Tastaturen fangen an zu glühen und tausende von schönen, interessanten, hinreißenden und wundersamen Momenten strömen genauso auf uns ein wie traurige, nervenaufreibende, schreckliche und bedrückte Zeiten. Alles, was wir für wichtig erachten, versuchen wir auf Papier zu bannen und die Gefühle und Gedanken rüber zu bringen.
Natürlich besteht das Leben nicht nur aus arbeiten und so schauen wir uns nebenher noch die Stadt an, gehen in Museen, erkunden kleine Gassen, entdecken schöne Geschäfte und nehmen den Flair des bezaubernden Wien in uns auf. Eines Tages finden wir in unserem Posteingang eine Mail von einem anderen Liegeradler mit dem wir uns schon kurze Zeit später in einem kleinen Geschäft eines Liegerad-Entwickelnden Freundes wieder treffen. So lernen wir Paris kennen, der einen kleinen Laden mit selbst entwickelten Spezialrädern und auch Liegerädern hat (www.mcsbike.com). Es wird ein interessanter Abend und einige seiner Prachtexemplare dürfen wir auch gleich probefahren. Als Liegeradler bekommt man halt überall schnell Kontakt.
Über den Dialekt der Wiener amüsieren wir uns mehr als einmal, denn er ist so herzallerliebst. Von meinen Verwandten bekommen wir eine alte Serie „Mundl“, den man vielleicht mit „Familie Heinz Becker“ vergleichen könnte. Am Anfang fällt es uns recht schwer alles zu verstehen, da es doch mehr unbekannte Ausdrücke hier gibt als ich am Anfang gedacht habe. Aber irgendwann entsteht bei mir eine Art Ritual, denn immer wenn Christine Mittagspause macht, schaue ich mir den Mundl an bis ich so gut wie alles verstehe und die Folgen schon auswendig beherrsche. Auch hier im deutschsprachigen Ausland muss man erstmal die Sprache lernen

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Die Tage und Wochen verrinnen wie im Fluge und bald sind die ersten Monate herum und die Seiten füllen sich mit Texten und Erinnerungen.

In der Stadt beginnt es langsam zu weihnachten – unzählige prachtvolle Lichtinstallationen schmücken die Straßen, vor allem in der Fußgängerzone im Zentrum. Auch hier zeigt sich Wien von seiner edelsten Seite. Verschiedene Weihnachtsmärkte mit ganz unterschiedlichem Charakter laden zum Schauen, Schnuppern und Genießen ein. Ich muss ehrlich sagen, dass ich die erste Weihnachtszeit auf unserer Reise ohne "Konsumterror" genossen habe, aber schon im zweiten Jahr hat mir diese vorweihnachtliche Stimmung in Straßen, Häusern und Geschäften doch ein wenig gefehlt und so genieße ich das jetzt bewusster und intensiver – Wien zieht schließlich alle Register. Für die Tage über Weihnachten und die Jahreswende buchen wir jedoch die "Sparschiene", die uns günstig und sogar ohne Umsteigen über Prag direkt nach Dresden bringt. Und so verbringen wir 3 Wochen mit Freunden und Familie ohne Buchgedanken in der verschneiten Heimat.