Gestartet sind wir in Detmold. Bis Hamburg hatten wir 4 bis 5 Tage eingeplant. Am Anfang ging's erstmal immer an der Weser entlang über Minden und Nienburg, dann über Walsrode, Soltau und Winsen/Luhe nach Hamburg.
In den ersten Tagen haben wir uns langsam wieder aufeinander eingespielt, d. h. unseren Tagesablauf und unsere zeitlichen Schlafgewohnheiten (die recht unterschiedlich sind) einander angenähert. Das sah dann so aus, dass wir ca. um 8.00 Uhr aufgestanden sind, kurzes Müsli-Frühstück und dann erstmal 40 bis 50 km fahren. Mittags haben wir gekocht und so 2 Stündchen Siesta gemacht, um der Hitze zu entgehen, denn das Wetter meinte es ja schon recht gut mit uns. Bis zum Abend hin wollten wir dann im Schnitt 80 bis 100 km pro Tag geschafft haben.
Beim ersten Kochen haben wir natürlich gleich einen der Hobo-Kocher ausprobiert, die uns die Schweizer Firma 'Künzi Creative Concepts' gesponsert hat. Diese Erfindung stammt von nordamerikanischen Wanderarbeitern (Hobos). Der Kocher besteht aus einer klappbaren Edelstahl-Konstruktion, die sich den Kamineffekt zunutze macht und wird nur mit Holz betrieben. Ehrlich gesagt, ein bisschen Skepsis war am Anfang schon dabei was die Kochzeit und die Regelbarkeit (Gefühlssache - halt einfach Holz nachlegen
Nach nur 3 Tagen radeln waren wir bereits in Winsen und wurden bei meiner besten Freundin Ulrike erstmal mit einem Grill-Abend begrüßt, der mit Bierchen und Gesprächen bis spät in die Nacht andauerte. Am nächsten Tag ging's dann weiter nach Hamburg zu Stefans Freund Dominik. Die Großstadt mit zwei bepackten Fahrrädern zu durchqueren, ist doch schon ein wenig anders als der gewöhnliche Weg. Die Leute, die wir ansprachen und nach dem Weg fragten, verwickelten uns fast immer in ein mehr oder weniger kurzes Gespräch. Bei Fremden scheinen viele ein großes Redebedürfnis zu haben, wir hörten auch oft gern zu. Naja, aber wenn dann jemand nach 'ner halben Stunde auch noch anfängt vom Krieg zu erzählen, wird's Zeit weiter zu fahren
Die nächste Etappe führte uns entlang der Elbe und Havel nach Berlin. Da hatten wir einen kleinen Durchhänger. Das Frühstück wurde mit jedem Tag ausgedehnter, auch die Siesta mit Faul-in-der-Sonne-liegen zog sich länger hin und abends waren wir deprimiert wenn wir nur 50 km geschafft hatten. Nach einer Woche 24 Stunden "Aufeinander hängen" haben wir auch gemerkt, dass wir ein paar Sachen regeln müssen, damit trotzdem jeder noch seinen Freiraum und Zeit für sich hat. Aber das sind wohl ganz normale Probleme, die man einfach lösen muss. Also haben wir uns mal von unserem Anspruch der 100 km pro Tag und damit dem Leistungsdruck getrennt. Ein paar Streckenteile sind wir dann auch jeder für sich mit eigenem Tempo gefahren und haben uns an einem vorher ausgemachten Punkt wieder getroffen. Und siehe da, der nächste Tag war mit 40 km und Einfach-da-bleiben-wo's-schön-ist total entspannt, der übernächste mit 100 km ohne Druck ein umso größeres Erfolgserlebnis. Und irgendwie hat man dann auch die Umgebung ganz anders wahrgenommen, die Natur noch mehr genossen und mehr mitgekriegt was um einen rum passiert.
Stefans Liegerad war natürlich überall die Attraktion. Und Kinderaugen scheinen dabei immer am meisten zu leuchten. Schön, wenn man dann hört "Das ist ja 'n cooles Fahrrad!" Ist es ja auch
Kurz vor Berlin, genauer gesagt seit Potsdam, führten dann irgendwie alle Wege nach Teltow, und das ungefähr 30 km lang. An wirklich jeder Kreuzung stand "Teltow" auf einem Schild, aber kein Weg schien nach Berlin zu führen. Teltow scheint eine verdammt tolle Stadt zu sein, fast wie Rom oder so? Naja, irgendwann kamen wir doch in Berlin an. Aber wir haben uns nur kurz in den Süden der Hauptstadt getraut, weil Radeln in der Großstadt doch ein wenig stressig ist. Hier schauten wir dann bei der Zeltschmiede 'Wechsel' vorbei, wo sich Stefan ein Zelt aussuchen konnte. Das klingt so einfach. Ist es aber nicht. Stundenlanges auf- und abbauen, anschauen, probieren, abwägen von Vor- und Nachteilen, noch ein Käffchen und ein Stück Kuchen... - die Entscheidung ist immer noch nicht gefallen. Und es war unglaublich, wie viel Zeit man sich auch hier wieder für uns genommen hat. Wir hatten mit den Leuten eine Menge Spaß, haben auch hier neue Erfindungen bestaunt, z. B. ein Zelt was sich auf Knopf-Druck (bzw. Stift-Zug) selbst aufbaut, ähnlich wie ein Regenschirm, und waren total begeistert.
Von Berlin aus ging's dann immer nach Süden Richtung Dresden. Mit jeder Menge Gegenwind kamen wir irgendwann doch in Schwarzheide bei meinen Eltern an. Hier wurden wir bestens kulinarisch und Stefan geschichtlich mit DDR-Stories versorgt. Ein gegenseitiges Kennenlernen der Familie und Heimat des Anderen war uns auch sehr wichtig. Am nächsten Tag holte uns zum ersten Mal das schlechte Wetter ein und wir kämpften uns durch hügeliges Gelände, Gegenwind und Regen nach Dresden. Der Wind war teilweise so stark, dass man selbst bergab treten musste um nicht stehen zu bleiben. Erschöpft kamen wir abends bei Stefans Freund Jens an, der uns erstmal mit einer Riesen-Ladung selbstgebackener Crêpes versorgte - eine gute Entschädigung. Der Abend mit Jens war dann auch schon der letzte auf unserer Tour und am Morgen danach ging's per Bimmel-Bahn wieder nach Detmold.
Bleibt uns nur noch zu sagen, dass wir uns bei allen Gastgebern für ihre Herzlichkeit bedanken, und auch für das Verständnis für die Mengen Essen, die wir verdrücken


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