Radfahren gegen Krebs
Radfahren gegen Krebs

Stefan & Christine - Unser gemeinsames Leben seit der Reise

Stefan Angefangen hat alles mit einer relativ kurzen E-Mail von mir, als ich das Gesuch von Christine nach einem Reisepartner im Rad-Forum gelesen habe. Um ehrlich zu sein, habe ich mir nicht gar so viele Hoffnungen gemacht, denn ich hatte auch schon einige Enttäuschungen mit anderen "potentiellen Mitreisenden". Jaja, so hat sich also ein relativ reger E-Mail- und später auch Telefon-Kontakt entwickelt. Nach einem Treffen haben wir uns im März die Überquerung der Alpen als erste "Testtour" vorgenommen - die zweite (schon nicht mehr nur Testtour) war dann im Norden Deutschlands. Es hat alles gut geklappt, wir haben so ungefähr dieselben Vorstellungen in Bezug auf Tempo, Geld, Hygiene usw....

Christine Die gesamte Vorbereitung inklusive Auswahl jeglicher Ausrüstung und Fahrrad hat fast ein ganzes Jahr gedauert. Krankenversicherung, weltweit erreichbares Konto, Impfungen, Ersatzmaterialien und andere bürokratische Erledigungen sowie der Verkauf von Auto, Möbeln usw. fraßen regelrecht die Zeit. Außerdem musste die gesamte Ausrüstung ja auch noch, so weit es geht, getestet werden. Wie oft habe ich mir gewünscht, einfach nur noch auf dem Rad sitzen zu können und los zu strampeln...

Der Start-Termin war bei Stefan durch die 'Regenbogenfahrt' festgelegt, was mir auch entgegen kam, weil ich nun noch 4 Wochen mehr Zeit hatte als ursprünglich geplant. Kurz vor der Abfahrt war dann aber erst einmal die 'Rosarote-Brillen-Zeit' mit Stefan vorbei. Wir stellten fest, dass wir doch sehr unterschiedliche Vorstellungen vom allgemeinen Reisetempo und somit von der Dauer der gesamten Reise hatten. Immer mehr Überlegungen kamen auf, ob ich das Ganze auch alleine durchziehen würde. Aber wir entschieden uns, erst einmal zusammen aufzubrechen - allerdings jeder mit eigener und vom Anderen unabhängiger Ausrüstung...

Stefan Am 26. August 2006 hieß es dann "ABFAHRT!". Wir haben unsere gemeinsame Weltreise begonnen. Aber die ersten 3 Monate waren alles andere als ein Zuckerschlecken, denn erst so mit der Zeit haben wir gesehen, dass wir doch unterschiedlicher sind als am Anfang gedacht. Ich wollte schneller fahren, sie eher genießen - ich bin eher technisch fixiert, sie will eigentlich ohne Strom fahren - und so weiter und so fort, die Liste könnte man noch fast endlos weiterführen. Es kam wie es kommen musste, wir sind ab Bulgarien eigentlich nur noch nebeneinander her und nicht mehr miteinander gefahren, so als ob wir zufällig den gleichen Weg nehmen. Der Streit war natürlich vorprogrammiert und irgendwann hieß es von meiner Seite her: "Ab Istanbul würde ich gerne mal alleine fahren, um es auszuprobieren". Es ging nicht anders, ich musste mal ausprobieren wie es ist alleine unterwegs zu sein, denn bisher bin ich immer nur zu zweit oder dritt gefahren. Klar, war Christine darüber nicht gerade erbaut, aber (extrem gesagt) was sollte sie dagegen machen. Ich musste es einfach tun und ab Istanbul war es dann auch soweit...

Christine Über die Trennung hatten wir in Bulgarien schon gesprochen. Somit hatte ich genügend Zeit, mich damit auseinander zu setzen. Vor dem Start unserer Tour hatte ich für mich entschieden, dass ich notfalls auch erst einmal alleine losfahren würde, wenn es die Umstände verlangen - wenigstens erstmal aufbrechen - umkehren kann man dann immernoch jederzeit. Ich wollte meinen Traum nicht einfach aufgeben ohne es wenigstens probiert zu haben. Aber wie ist das nun in der Realität? Meine bisherigen Erfahrungen im Leben waren immer so, dass wenn in einer Beziehung einmal ein Schluss-Strich gezogen wurde, es kein Zurück mehr gibt und die Entscheidung für immer ist. Darauf hatte ich mich nun auch eingestellt. Ein Flieger von Istanbul nach Berlin hätte mich 30 Euro gekostet. Ich hätte in kürzester Zeit wieder bei Ulrike, meiner besten Freundin, die mir so sehr fehlt, sein können und zu Hause in der behüteten Umgebung meiner Heimat. Aber wie sollte mein Leben weitergehen? Arbeitssuche, und dann jeden Tag ins Büro? Sollte die Reise jetzt schon vorbei sein? Die Angst vor den Konsequenzen eines Abbruchs, die mich zu Hause erwarten würden, ließen mich weiter machen - wieder mit der Intention: umkehren kannst Du immernoch. Ich hatte schon alles durchdacht: erstmal in den Süden fahren und vor dem Winter flüchten, dann einen neuen Reisepartner suchen und einfach schauen was bzw. wer kommt...

Stefan Schon nach ein paar Tagen habe ich gemerkt, dass ich kein Alleinfahrer bin und dass es viel, viel mehr Spaß macht zusammen zu fahren...

Christine Stefan hatte mir eine sehr tiefgehende Mail geschickt, in der er mir seine Gedanken und Gefühle offenbart hat - Konflikte, mit denen wir beide nicht zurecht gekommen sind. Dass ich nun seine Denkweise kannte, hatte mir die Tür geöffnet und ich konnte einigermaßen damit umgehen. Aber wollte ICH überhaupt noch mit ihm fahren? Könnte solch eine Situation nicht immer wieder passieren und irgendwann steh' ich dann alleine in einem 'frauenfeindlichen' Land? Sicher war ich mir nicht....

Allerdings habe ich in den paar Tagen auch die Erfahrung gemacht, welche Gefahren auf eine allein reisende Frau lauern. Manche Männer sehen einen geradezu als 'Freiwild' an... Stundenlang lag ich ängstlich in meinem Zelt bis mir todmüde die Augen zu fielen. Und gegen diese Angst konnte ich nichts anderes tun als die Situation zu vermeiden. Sie hat sich mit der Zeit nicht verändert - vielleicht waren die paar Tage aber auch zu kurz für einen Lerneffekt.

Stefan So haben wir uns also über E-Mail verständigt und uns in Gönen wieder getroffen. Ich habe ganz viel von Christine gelernt. Das Wichtigste ist, dass ich mir nun auch viel Zeit beim Reisen nehme und nicht mehr auf die Kilometer schaue, sondern alles einfach auf mich zukommen lasse und es genieße. Christine Und auch ich habe von Stefan gelernt. Nämlich dass es ein Geschenk ist, dass wir wenigstens in der Basis der 'Reisevorstellung' zueinander passen (auch wenn wir recht unterschiedliche Menschen sind) und dass wir uns gefunden haben. Stefan Ab jetzt ist es immer besser geworden zwischen uns. Natürlich gibt es immer wieder kleinere 'Raufereien', aber wir sind uns einig: "WIR FAHREN ZUSAMMEN UM DIE WELT!" Und danach begann dann die Gepäck-Reduzierung: aus zwei 'Haushalten' mach eins...

Stefan Christine ist: stromlos, genießerisch, praktisch begabt, Schrauben-und-Gewinde-Durch-und-Überdreher, unser gutes Gedächtnis, die Sekretärin, Texte-Schreiberin, die Gut-Kochen-Könnende, Nähen-Könnende, Viel-Erzählerin, Schokoladen-Fresserin, Pistazien-Lieberin, die Reifen-Flickerin, der Schnäppchen-Fuchs, die Oftmals-langsamer-als-ich-Fahrerin, die Improvisierende, die schneller Frierende, die Ordentliche, die Katzen-Liebende, Medizin-Frau, Spinnen-Angst-Haberin, Langschläferin, die nun kürzere Haare habende (seit Pokhara – Nepal), die schneller essen Könnende, die Topf-Auskratzerin, die Ohrstäbchen-Süchtige

Christine Stefan ist: der Elektronik- und Computer-Fachmann, Käbelchen-Bastler, der Liegerad-Liebende, der nach dem Streit zuerst Kommende, guter Lerner auf jedem Gebiet, der sich selten Waschende, oft singend, ein Frühaufsteher, Schilder-Fotografierer, Genießer beim Bart-Bürsten, von Tieren Geliebter, der für fremde Leute Auffälligere, schneller Entscheider oder "Ist-mir-egal"-Sager, Action-Filme-Gucker, Ewig-Durcharbeiten-Könner